20. Juni ist Weltflüchtlingstag!

Mein Interview mit Sandy von www.frauenaufderflucht.de

Kennt ihr den Weltflüchtlingstag?

Ich kannte den Weltflüchtlingstag letztes Jahr auch noch nicht – aber 2022 ist ein besonderes Jahr für unsere Familie. Wir leben seit dem 6. März 2022 mit Ksana und Yana (11) aus der Ukraine zusammen. Wir können nur im Ansatz erahnen, was die beiden starken Persönlichkeiten durchgemacht haben. Das einzige, was sie mitgebracht haben, waren ihre Kleidung am Körper und 2 kleine Mini Rucksäcke. Sie bauen sich Stück für Stücke, jeden Tag ihr neues Leben auf. Wir unterstützen sie dabei, so gut es geht. Achtsamkeit bedeutet, aufmerksam zu sein. Menschen zu helfen und Liebe zu schenken.

Unsere Freundin Sandy hilft uns dabei. Denn sie hat einen wunderbaren Blog ins Leben gerufen. Der heißt: www.frauenaufderflucht.de

Sie hat Frauen, vornehmlich aus der Ukraine, interviewt und sich deren Fluchtgeschichte erzählen lassen. Diese Frauen, oft mit Kindern unterwegs, sind sehr mutig. Was sie leisten und mit wie viel Willensstärke und Überlebenskraft und Liebe zum Leben sie ihre neuen Leben meistern ist sehr beeindruckend. Man liest die Geschichten und hat am ganzen Körper Gänsehaut: Frauen auf der Flucht hören, sehen und verstehen. Das ist wirklich ein Herzensprojekt. DANKE, Sandy für dein Einfühlungsvermögen und dass du diesen Frauen eine Stimme gibst…

Seit wann gibt es den Weltflüchtlingstag? 

Der Weltflüchtlingstag fällt jedes Jahr auf den 20. Juni und wurde 2001 von den Vereinten Nationen ins Leben gerufen.

Warum ist der Weltflüchtlingstag so wichtig?

Der Weltflüchtlingstag macht international darauf aufmerksam, dass 100 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht sind. Sie alle bekommen für einen Tag die volle Aufmerksamtkeit. Es werden Projekte vorgestellt, Geld gesammelt und an ihre Rechte erinnert. Sie sollen alle Chancen bekommen, sich ein neues Leben zu ermöglichen.

Wir haben Sandy zu einem Interview getroffen.

 

Sandy, wie kamst Du zu deinem Herzensprojekt FRAUEN AUF DER FLUCHT?

Die Ukrainekrise im März kam für mich völlig überraschend – nach Klimadebatten und Pandemieirrsinn nun auch noch das. Ich hatte monatelang mit meinem Mann und unseren drei Kindern den Alltag halbwegs aufrechterhalten und war froh, dass die Schulen wieder geöffnet hatten. Als ich kurz nach dem Ausbruch des Kriegs mit Oksana, („Deiner Ukrainerin“) zum Eisbaden ging und an einem Berliner See eine Joggerin mit großer Ukraineflagge vorbeilief, hatte ich plötzlich die Vision zu „Frauen auf der Flucht“.

Als Mensch bin ich empathisch, als Frau emotional und als Mutter sehr sensibel. Als Journalistin habe ich viele Interviews geführt und Portraits geschrieben, als Ethnologin habe ich Erfahrung mit Zeitzeugen- bzw. Biographiearbeit. Es ist schwer zu beschreiben, aber an diesem Morgen im März kam ganz plötzlich alles zusammen und mir war klar – das ist es, was ich jetzt tun muss: Frauen auf der Flucht hören, sehen und verstehen. 

Die Frauen, die du interviewt hast, sind soooo unterschiedlich. Die Fluchtgeschichte von Khrystyna-Maria Zozulia hat mich besonders berührt. Kannst Du uns etwas über sie erzählen? Vor allem Waisenhaus CITY OF GOODNESS. 

Krystina ist eine Fotografin aus Lemberg, die sich mit ihrem Mann und den zwei kleinen Kindern in Polen aufhielt, während wir sprachen. Beide sind Fotografen, ich hatte Krystina initiativ auf Instagram angeschrieben. Irgendwie war ich über ihre Fotos gestolpert, die mich angesprochen haben, weil sie sehr intim und persönlich in der Bildsprache sind. Krystina hat nach der Flucht andere, ukrainische Frauen im Exil in Polen photographisch begleiten. Sie spricht selbst kaum englisch und so saß sie mir in einem Zoom Interview gemeinsam mit ihrem Mann gegenüber. Sie beantwortete meine Fragen und stillte das Baby während er übersetzte, diese Interviewsituation war wie durch ein Schlüsselloch schauen. 

Das Paar hat sich vorgenommen, sich für die Kriegswaisenkinder in der Ukraine zu engagieren. Sie sammeln Spendengelder für ein landesweites Charity Projekt namens City of Goodness. Zudem plant Krystina in die Ukraine zurückzugehen, sobald es möglich und halbwegs sicher ist. Derzeit zieht sie das bereits neunte Mal in wenigen Wochen innerhalb Polens um. Es ist eine Tortur für ihre junge Familie, aber Krystina möchte unbedingt den Waisenkindern vor Ort im Waisenhaus helfen, zum Beispiel mit ihnen spielen oder abends vorlesen, aber sie auch fotografieren, um mit den Bildern auf dieses Thema und die damit zusammenhängenden Probleme aufmerksam machen. Ich habe ihr versprochen, sie dabei zu unterstützen, wo und wie ich kann. 

Wie gehst Du mit den Schicksalen persönlich um? Du bist ebenfalls Mutter von drei Kindern. Wie gehst Du persönlich mit den Schicksalen deiner Frauen auf der Flucht um? Nimmst du sehr viel mit nach Hause? 

Nun, diese Geschichten lassen nicht kalt. Ganz klar. Aber sie belasten mich nur solange, wie ich sie nicht „Raus“-geschrieben habe. Wenn ich einen Text fertig habe, ist das für mich gut und wenn die Frauen sich darin wiedererkennen, sich gesehen fühlen, umso schöner. 

Immer sind die Frauen bislang dabei sehr dankbar, gehört zu werden. Manchmal sind sie rückblickend selbst über die eigene Courage überrascht und manchmal auch ein bisschen stolz, den Mut nicht zu verlieren. Gleichzeitig haben sie allesamt schlimme Gewissensbisse, dass sie in Sicherheit sind, während sich viele Landsleute, alte Menschen und eben die Männer in der Ukraine befinden. Ich finde es interessant zu erkennen, in welcher Umbruchsituation die Frauen sich derzeit befinden, oftmals ohne es selbst realisiert zu haben.  Für meine Arbeit ist es dabei wichtig den Moment festzuhalten, es entstehen ja Zeitdokumente und ich signalisiere den Frauen, dass sie sich verletzlich zeigen dürfen, weil sie im Inneren verletzt sind und gleichzeitig von uns verstanden werden wollen und können. 

Die Treffen sind grundsätzlich äußerst intim und emotional, ganz gleich, ob ich den Frauen persönlich gegenübersitze oder sie online im Videocall treffe. Es fließen Tränen, eine schmerzliche Mischung aus Trauer und Wut, aus Erinnerung und Erleichterung, eigentlich immer, wenngleich die Frauen so stark und mutig sind. Ich hatte Situationen, bei denen ein Interview fast abbrechen musste, besonders in den Tagen, nachdem die Nachrichten erstmals von Bucha berichtet hatten. Es sind so traurige Umstände, in denen diese Frauen sich wiederfinden und dennoch – immer gehen sie mit mir positiv und nach vorne blickend aus den Treffen. Des Nachts im Traum habe ich mittlerweile schon selbst auf den Dächern Kievs gestanden und auf die brennende Stadt geschaut. Und doch bestärkt mich jedes einzelne Gespräch, mit dieser Arbeit fortzufahren. 

Was möchtest Du mit Deinem wundervollen Blog noch erreichen? 

Nun, habe ich mittlerweile vierzehn Frauen für dem Blog portraitieren können, die sich zum Zeitpunkt unserer Gespräche in sieben unterschiedlichen Ländern aufhielten. Noch ist der Blog ausschließlich auf Englisch, aber in Kürze werden die Geschichten zusätzlich auf Deutsch zu lesen sein. 

Ich treffe durch das Projekt nicht nur die Frauen aus der Ukraine, sondern auch unheimlich viele engagierte und interessierte Menschen überall auf der Welt. Ich habe eine NGO (eine Nichtregierungsorganisation) aus Kalifornien, die begeistert von meiner Arbeit ist und bin zweifach als Rednerin angefragt worden, um das Projekt vorzustellen. Zudem versuche ich Kontakte zu Künstlern aufzubauen, habe zum Beispiel sowohl mit dem amerikanisch-ukrainischen Fotografen Sasha Maslov in New York kooperiert als auch mit Natalie Sandsack von Faces of Moms in Süddeutschland. 

Dabei bin ich selbst nicht sicher, wo mein Projekt hinführt. Die Herkunft von Frauen auf der Flucht ist grundsätzlich nicht auf die Ukraine beschränkt, meine Arbeit beschränkt sich auch nicht zwangsläufig auf das geschriebene Wort. Ich sehe das Projekt so agil, wie die weltpolitische Lage im Großen und die individuellen Lebensläufe im Kleinen und bin sehr offen für Ideen und Kooperationsmöglichkeiten. Sicherlich wird es perspektivisch nicht ohne Fördergelder und Spenden gehen, um wöchentlich eine Frau zu portraitieren, wie bisher. 

Am Ende des Tages fühlt es sich für mich oft so an, als hätte NICHT ICH das Projekt initiiert, sondern als wäre es ZU MIR gekommen – aber so ist das vielleicht, wenn man etwas ohne Sinn und Verstand macht und einfach nur auf das Herz hört. 

Danke für das Interview und der letzte Satz ist wunderschön. Das ist achtsam sein. Was sagt Dir Dein Herz? Höre auf Deine innere Stimme und vertraue, alles kommt zu seiner Zeit. Bleib kreativ und neugierig. Dein Bloggi.

Ihr könnt spenden, wenn Ihr mögt! City of Goodness ist ebenso ein Herzensprojekt und schaut Euch unbedingt den Film auf der Homepage an.

Kennst Du schon unseren Beitrag zur Achtsamkeit?

 

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